Perfektionismus – zwischen kreativem Ausdruck und innerer Blockade

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Ich beginne mit einer ganz persönlichen Geschichte und zwar wie mich der Perfektionismus lange im Griff hatte – und welche Auswirkungen er auf mein Selbst und vor allem auf mein kreatives Ich hatte. Dafür gehe ich in meiner Biografie einige Jahre zurück, zurück in meine Kindheit. Schon in der Grundschule hatte ich einen extrem hohen Anspruch an mich selbst. Meine Hausaufgaben schrieb ich so oft ab, bis ein stimmiges Schriftbild entstand. Sie sollten nicht nur richtig sein, sie mussten vor allem schön sein. Überschriften wurden verziert, Wörter bunt unterstrichen, Seiten aufgehübscht. Alles sollte stimmig wirken. Die kleine Juliane hatte offensichtlich schon früh den inneren Anspruch, Dinge nicht einfach nur zu erledigen, sondern sie ästhetisch zu gestalten.

Zweifel von Außen

In der weiterführenden Schule setzte sich das fort. Kreative Aufgabenstellungen lagen mir besonders, weil ich dort frei agieren konnte. Schrift, Bild, Anordnung – all das war für mich nie nebensächlich, sondern zentral. Ich experimentierte mit Schriftbildern, mit Formen, mit Ausdruck. Ich suchte nach einer Art Handschrift, die sich für mich gut anfühlte und gut aussah. Ich gestaltete Lesetagebücher, die wirklich außergewöhnlich waren. Die Gestaltung, die Kapitelzahlen, die Strukturen – all das habe ich mir selbst ausgedacht und die Bücher auch selbst gebunden. Ich habe nichts kopiert oder abgepaust, es kam aus mir heraus. Umso schmerzhafter war es, dass genau mir das oft nicht geglaubt wurde. Lehrkräfte unterstellten mir immer wieder, ein Elternteil müsse mir geholfen haben. Dieses Misstrauen wirkte rückblickend vermutlich prägend. Nicht, weil ich an mir gezweifelt hätte, sondern weil mir etwas abgesprochen wurde, das zutiefst zu mir gehörte: meine kreative Eigenständigkeit.

Wenn Perfektionismus blockiert

Der Perfektionismus blieb mir treu – auch im Erwachsenenleben. Lange hatte ich den Anspruch, mein Zuhause müsse perfekt aufgeräumt sein. Ordnung, Ästhetik, Stimmigkeit: all das gab mir Sicherheit. Und doch begann ich irgendwann zu spüren, dass dieser Anspruch mich nicht mehr nährte, sondern unter Druck setzte.

Und nun die Frage: Ist Perfektionismus immer negativ?

Vertrauen als Grundlage für kreatives Schaffen

Ich weiß, dass Perfektionismus häufig blockiert – ich kenne das nur zu gut! Vor allem dann, wenn der Anspruch an ein Ergebnis gekoppelt ist, das aus Sicht der Erschaffenden unbedingt „schön genug“ sein muss – etwa, weil es gezeigt, verkauft oder bewertet werden soll. Mitunter geht es dann so weit, dass der Perfektionismus nicht mehr antreibt, sondern lähmt. Rückblickend erkenne ich, dass mein Perfektionismus zwei Gesichter hatte. Da war die kindliche Freude am Gestalten, am Ausprobieren, am Finden einer eigenen Handschrift und das Ausprobieren mit vielen unterschiedlichen Materialien. Später war es der Anspruch, etwas beweisen zu müssen – mir selbst und anderen. Vielleicht ist Perfektionismus also nicht per se negativ. Vielleicht wird er erst dann problematisch, wenn er sich von der inneren Verbindung löst. Wenn er nicht mehr aus mir heraus entsteht, sondern aus der Angst, nicht zu genügen. Mein kreatives Ich hat darunter gelitten. Nicht, weil es zu hohe Ansprüche hatte – sondern weil es zu wenig Vertrauen bekam. Von außen. Und irgendwann auch von mir selbst. Heute stehe ich an einem anderen Punkt. Ich erlaube mir, Dinge früher zu zeigen, unfertiger zu lassen, weniger glatt zu machen. Nicht immer gelingt mir das – aber immer öfter. Mein kreatives Ich braucht keinen Perfektionismus als Antreiber, sondern Vertrauen als Grundlage. Und genau darin liegt für mich der nächste Entwicklungsschritt.

Wie ich heute mit Perfektionismus umgehe

Heute versuche ich, meinen Perfektionismus nicht mehr zu bekämpfen. Ich sehe ihn nicht länger als etwas, das „weg“ muss, sondern als einen Anteil, der lange eine wichtige Funktion hatte. Er hat mir Struktur gegeben, Orientierung, ein Gefühl von Kontrolle. Vor allem aber war er Ausdruck meines feinen Gespürs für Stimmigkeit und Ästhetik. Der Unterschied zu früher liegt darin, dass ich genauer hinschaue. Ich frage mich nicht mehr zuerst, ob etwas gut genug ist, sondern ich schaue, wie es sich anfühlt. Ob ich in Verbindung bin mit dem, was ich tue – oder ob ich gerade versuche, einem inneren Anspruch gerecht zu werden, der mich unter Druck setzt.

Vertrauen statt Kontrolle im kreativen Prozess

Die Kontrolle abzugeben, den perfektionistischen Anspruch an mich selbst auf ein „normales“ Level zu halten – ich will ehrlich sein, das fällt mir wirklich immer wieder schwer. Aber, ich erlaube mir immer häufiger Dinge unfertig zu lasen, Texte nicht bis ins kleinste Detail zu überarbeiten. Ideen auszusprechen, bevor sie vollständig ausgeformt sind. Nicht alles muss makellos sein, nicht alles abgeschlossen. Manche Dinge dürfen sich im Prozess zeigen. Besonders in meinem kreativen Arbeiten bedeutet das, Kontrolle abzugeben. Wieder mehr zu spielen. Mich zu überraschen. Dem Impuls zu folgen, auch wenn ich noch nicht weiß, wohin er führt. Mein Perfektionismus darf dabei bleiben – aber er sitzt nicht mehr am Steuer. Ich habe gelernt, zwischen Qualität und Kontrolle zu unterscheiden. Qualität entsteht für mich aus Präsenz, aus Aufmerksamkeit, aus dem ehrlichen Kontakt mit mir selbst. Kontrolle dagegen kommt aus Angst. Und Angst war noch nie ein guter Nährboden für Kreativität. Ich denke ich bin auf einem guten Weg und bin mir bewusst: ich habe eine Umgang mit Perfektionismus gefunden: ich nehme ihn wahr, ich höre ihm zu und manchmal ist er mir wirklich zu laut und sehr aufdringlich. Und dann hilft es mir, mich zu erinnern, dass ich mich bewusst für Vertrauen entschieden habe. Für radikales Vertrauen in mich, in meinen Ausdruck und meine Fähigkeiten. Ja, das ist immer wieder eine Herausforderung – gar keine Frage. Aber ich spreche innerlich anders mit mir. Ich versuche, mich nicht länger in ein eng geschnürtes Korsett äußerlicher Ansprüche zu zwängen, das mir die Luft zum Atmen nimmt und meine Schöpferkraft unterdrückt. Alles andere darf sich daraus entwickeln.

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